"DHL und Paket sind unsere Wachstumstreiber" - Interview mit dem Chief Financial Officer Larry Rosen
Der Konzern Deutsche Post DHL ist auch im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres auf einem profitablen Wachstumskurs geblieben. Dabei stieg das operative Konzernergebnis erneut deutlich stärker als der Umsatz. Im Gespräch mit Deutsche Post DHL News geht Finanzvorstand Larry Rosen näher auf die Geschäfts- und Ergebnisentwicklung der vergangenen Monate sowie auf die Perspektiven für den weiteren Verlauf des Jahres 2011 ein.
Herr Rosen, die wirtschaftlichen Unsicherheiten, gerade in Europa und den USA, sind weiterhin groß, und die Weltwirtschaft scheint etwas an Fahrt zu verlieren. Sie aber sind ungebrochen optimistisch. Wie passt das zusammen?
Larry Rosen: Das konjunkturelle Umfeld mag vielleicht nicht mehr ganz so rosig aussehen wie noch vor ein paar Monaten, überraschend ist dies aber sicherlich nicht. Es war abzusehen, dass sich das globale Wachstumsniveau irgendwann im Laufe des Jahres abschwächen würde. Und genauso kommt es jetzt auch. Natürlich ist das - genauso wie die Turbulenzen im Euro-Raum - nicht unbedingt hilfreich.
Aber gerade in diesem Umfeld zeigt sich, wie gut wir als Konzern Deutsche Post DHL inzwischen aufgestellt sind. Wir wachsen weiter, und das vor allem aus eigener Kraft. Und was besonders erfreulich ist: Nach wie vor legt unser Ergebnis deutlich stärker zu als unser Umsatz. Das zeigt, dass sich die Maßnahmen der vergangenen Jahre immer mehr auszahlen. Von unserer deutlich gestiegenen Effizienz werden wir auch im zweiten Halbjahr profitieren. Deshalb sind wir auch weiterhin zuversichtlich für unser eigenes Geschäft.
Ihre Guidance für das EBIT im Gesamtjahr haben Sie verbessert, das Ergebnis soll demnach nun am oberen Ende der prognostizierten Bandbreite von 2,2 bis 2,4 Milliarden Euro auslaufen. Angesichts der Tatsache, dass Sie zum Halbjahr schon rund die Hälfte eingefahren haben: Ist da nicht noch mehr drin?
Larry Rosen: Wir bleiben optimistisch - sowohl was die weitere Entwicklung in diesem Jahr als auch die mittelfristige Performance angeht. In Anbetracht der globalen Wirtschaftslage gibt es aber auch gute Gründe ein wenig vorsichtig zu bleiben. Die weltweite wirtschaftliche Aktivität wird nach dem sehr starken Wachstum in den letzten Quartalen im Laufe des zweiten Halbjahres auf ein normaleres Niveau zurückkehren.
Außerdem werden wir im weiteren Jahresverlauf noch stärker in das künftige Wachstum unseres Geschäfts investieren, etwa im Express-Bereich. Deshalb fühlen wir uns mit unserer Prognose sehr wohl. Dass wir unsere Prognosen eher vorsichtig angehen und konservativ kalkulieren, ist sicherlich richtig. Wir versuchen nur das zu versprechen, was wir auch glauben später halten zu können. Und aus heutiger Sicht sind wir - unter der Annahme eines normalen globalen Wirtschaftswachstums im zweiten Halbjahr - sehr gut unterwegs, um unser Ziel für das Gesamtjahr zu erreichen.Was werden im zweiten Halbjahr die Wachstums- und Ergebnistreiber sein?
Larry Rosen: Wir gehen davon aus, dass sich die DHL-Bereiche auch im zweiten Halbjahr gut entwickeln und weiterhin den Großteil zum Konzerngewinn beitragen werden. Aber auch der BRIEF-Bereich läuft gut. Bei der angestrebten Stabilisierung des Ergebnisses haben wir jedenfalls große Fortschritte gemacht. Hierfür sind vor allem das nach wie vor dynamisch wachsende Paketgeschäft und die erfolgreich umgesetzten Maßnahmen zur Effiziensteigerung verantwortlich.
Trotzdem ist auch bei Ihnen - zumindest auf den ersten Blick - nicht alles Gold was glänzt. Bei DHL zum Beispiel sind Sie im zweiten Quartal deutlich schwächer gewachsen, und auch auf Konzernebene steht nur ein sehr schmales Umsatzplus zu Buche. Wie erklären Sie das?
Larry Rosen: Blendet man die negativen Wechselkurseffekte und die im ersten Halbjahr getätigten Verkäufe von kleineren, nicht zum Kerngeschäft zählenden Tochtergesellschaften einmal aus fällt der Umsatzanstieg - im Konzern wie bei den DHL-Bereichen - deutlich höher aus und liegt klar über dem Wachstum der Weltwirtschaft. Zudem stellt sich im Jahresverlauf ein sogenannter Basiseffekt ein: Die jeweiligen Vorjahresquartale, mit denen wir uns aktuell vergleichen, waren dank des Konjunkturaufschwungs bereits durch hohe Wachstumsraten geprägt. Entsprechend schwieriger wird es nun, die hohen Zuwächse aufrecht zu erhalten. Das bereitet uns aber keinerlei Sorge, denn wir zielen ohnehin nicht auf möglichst hohe Volumina. Wichtiger ist uns nachhaltiges, qualitatives Wachstum. Das heißt: Wir sind sehr selektiv und machen nur solche Geschäfte, die wirklich profitabel sind. Dass wir damit richtig liegen, sieht man an der überaus positiven Ergebnisentwicklung.
Bei DHL stellen Sie weiterhin Ihr Engagement in Asien und die Chancen, die sich in der Region bieten, sehr stark in den Vordergrund. Warum ziehen Sie sich dann aus dem inländischen Express-Geschäft in China zurück?
Larry Rosen: Weil wir zu der Einschätzung gelangt sind, dass wir dieses Nischengeschäft unter den gegebenen Marktbedingungen nicht nachhaltig rentabel betreiben können. Große Bedeutung hatte es für uns ohnehin nicht, machte es doch weit weniger als 10 Prozent unseres gesamten China-Umsatzes im EXPRESS-Bereich aus.
Unser Kerngeschäft mit grenzüberschreitenden Sendungen betreiben wir in China aber selbstverständlich weiter. Hier erwarten wir für die kommenden Jahre ein kräftiges Wachstum. Wir sind schon heute der führende Express-Dienstleister in China sowie dem gesamten asiatisch-pazifischen Raum und werden unsere Position, auch mit Hilfe unseres im Bau befindlichen neuen, zweiten Hubs in der Region in Shanghai weiter gezielt ausbauen. Kein anderer Logistikdienstleister ist in Asien so gut positioniert wie DHL. Davon werden wir in Zukunft immer stärker profitieren.Nicht ganz so rosig sieht es dagegen im BRIEF-Bereich aus. Umsatzstagnation und Ergebnisrückgang, keine gute Mischung...
Larry Rosen: Das mag auf den ersten Blick so aussehen. Auf den zweiten Blick aber stellt sich auch die Situation im BRIEF-Bereich als sehr ordentlich dar. Wir haben das Ziel, den Ergebnisbeitrag dieses Geschäfts trotz der anhaltenden strukturellen Volumenrückgänge im traditionellen Briefgeschäft nachhaltig zu stabilisieren. Auf diesem Weg kommen wir gut voran. Der Umsatz des BRIEF-Bereichs ist annähernd stabil geblieben. Dies ist vor allem Resultat unseres überaus erfolgreichen Paketgeschäfts, das sich nach wie vor als sehr dynamisch erweist und weiter an Fahrt gewinnt.
Was die Ergebnisentwicklung im BRIEF-Bereich betrifft, so hat uns der Rückgang nicht überrascht, und die Ursachen sind hinlänglich bekannt: hier sind zum einen unsere Investitionen in die digitale Transformation des Geschäfts - vor allem die Einführung des E-Postbriefs - zu nennen. Und zum anderen wirkt sich hier noch die veränderte Mehrwertsteuerregelung vom vergangenen Juli aus, auf die wir zu Lasten unseres Ergebnisses mit Rabatten für unsere Großkunden reagiert hatten. Dieser Effekt wird den Vorjahresvergleich übrigens im dritten Quartal 2011 erstmals nicht mehr verzerren.
Sie haben die massiven Investitionen in den E-Postbrief erwähnt. Wie entwickelt sich dieses Geschäft?
Larry Rosen: Wir haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis sich der E-Postbrief auch betriebswirtschaftlich auszahlt. Aber wir haben einen langen Atem und werden dieses Produkt, mit dem wir die digitale Kommunikation auf eine neue Qualitäts- und Sicherheitsstufe gehoben haben, zum Erfolg führen. Aber bei aller Relevanz des E-Postbriefs ist es mir wichtig, immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass es sich hierbei zwar um einen wichtigen Baustein unserer Zukunftsstrategie für das BRIEF-Geschäft handelt, aber bei weitem nicht den einzigen.
Vor allem im Paketgeschäft setzen wir alles daran, mit Innovationen wie unseren Packstationen und einem überlegenen Servicekonzept für unsere Kunden auf unserer starken Marktposition aufzubauen. Dass wir hierbei sehr erfolgreich sind, zeigen unsere Wachstumsraten im zweiten Quartal: Wir haben hier ein Umsatzplus von 8 Prozent generiert und die Anzahl der transportierten Pakete sogar um 10 Prozent steigern können. Insgesamt gehen wir davon aus, dass diese Wachstumsbereiche ihren Anteil am Gewinn des BRIEF-Geschäfts in den kommenden Jahren deutlich steigern und wir so den strukturellen Rückgang im traditionellen Geschäft auffangen werden.
Herr Rosen, trotz der insgesamt positiven Bilanz, die Sie nach der Hälfte des Geschäftsjahres ziehen, kommt Ihr Aktienkurs nicht richtig vom Fleck. Können Sie Ihren Aktionären wenigstens eine steigende Dividende in Aussicht stellen?
Larry Rosen: Wir kommentieren die Bewertung unserer Aktie und ihre Entwicklung grundsätzlich nicht, sondern konzentrieren uns auf die Dinge, die wir direkt beeinflussen können: die konsequente Umsetzung der Konzernstrategie, den weiteren Ausbau unserer Marktposition und die angekündigte Steigerung unser Profitabilität. Was die Dividende anbetrifft ist es für eine konkrete Aussage noch viel zu früh. Fest steht aber, dass eine verlässliche Dividendenpolitik mit einer Ausschüttungsquote von 40 bis 60 Prozent des um Sondereffekte bereinigten Gewinns ein wichtiger Eckpfeiler unserer Finanzstrategie ist. Und ich sehe keinen Grund, warum wir für das laufende Jahr davon abweichen sollten.
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